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Veröffentlicht am 10.06.2015 von nemesis

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Future Pop

Themen-Special Future Pop

Musikbegriffe und Stilrichtungen gibt es langsam wie Sand am mehr, doch muß man auch zugeben, es fällt einem so leichter, die richtige Entscheidung beim Plattenkauf zu treffen oder mitunter auch Kumpels, anderen allgemein zu erklären, was man eigentlich meint. Im Notfall nennt man ein paar Vertreter der Stilistik und fast jeder weiß, was gemeint ist.

Doch warum heißen manche Musikrichtungen so wie es nun mal tun? Symphonic Metal, Folk Rock, Pop… diese Begriffe haben sich in ihrer Basis etabliert, sei es nun der Terminus Rock als Beispiel: Eingängiger Klang, geradlinige Rhythmik, Gitarrenbetont, beherzter Gesang, klare Songstruktur. Bei Folk Rock weiß man dann: „Okay, da sind im Songaufbau einige folkloristische, traditionelle Elemente, vielleicht auch andere Instrumente als Zusatz, aber die Grundstruktur und Instrumentalisierung ist Rock“.

Wie klingt denn Zukunft?

Nun könnte man noch am ehesten witzeln, ein typisches Instrument, das „Zukunft“ signalisiert, sei der Computer. Monotonie, Digitalisierung… okay. Doch damit ist es beim Future Pop mit der Erklärung nicht ganz getan. Die Thematik des Songmaterials spielt bei einigen Vertretern durchaus eine zusätzliche Rolle. Die anfängliche Unterteilung diverser Musikrichtungen nahm im Laufe der Zeit immer mehr Blüten an und wird es auch weiterhin tun. Ob das nun Sachen sind wie Cyber Goth oder in den 80ern und 90ern Avantgarde aus der Punkbewegung. Future Pop, manchmal auch zusammen geschrieben entstand in der zweiten Hälfte der 90er Jahre und charakterisiert einen eingängigen 4/4-Takt, dominante Rhythmen und elektronische Inszenierung als Fundament.

Der Aufbau der Songs ist eingängig, nicht verzwickt, hat eine klare Linie mit wenig Firlefanz. Die Hauptmelodien sind auch eher karg, die melodischen Parts überlagern die Basis maßgeblich und insofern bedarf durch deren beherrschende Inszenierung auch die Melodiegebung nur einer gewissen Schlichtheit und entfaltet dennoch ihre Wirkung und ihren Wiederkennungswert. Steigerungen sind meist nur im Detail erkennbar, Dramatik spielt sich leise ab, Emotionen sind nicht zu ausufernd wie man es zum Beispiel von halb verzweifelt heraus gesungenen Balladen, „weinenden“ Gitarren der dergleichen kennt. Ergo ist die Melodiegebung eher introvertiert, aber durchaus tiefsinnig in ihrer Atmosphäre.

Grundlagen des Future Pop

Wie bei anderen Stilrichtungen auch, wurde Future Pop anfangs eher unbeholfen versucht, anderen Kategorien zugeordnet zu werden, man nehme leichten Techno als Beispiel, Synthie Pop, etwas EBM oder auch Trance. Schlußendlich hat sich aber auf Dauer die eigene Bezeichnung Future Pop durchgesetzt und verbindet mit Leichtfüßgkeit verbundene elektronische Elemente mit poppigen Strukturen und Instrumentalisierung – und als Beilage bedient man sich eben benachbarter Musikrichtungen. Sehr klassische Vertreter dieser Stilrichtung sind in etwa Apoptygma Berzerk, die man eigentlich nie wirklich einer Richtung ganz und gar zuordnen konnte. Mal poppiger, mal Rockig („In This Together“), mal recht trocken-balladig, brachial und aggressiv wummernd („Until The End Of The World“ – doch auch jenes selbst mal als Akustik-Version) und mit x Remixes, die eine Einordnung bis dato schier unmöglich machten. Covenant (nicht zu verwechseln mit Metaller The Kovenant) zählen ebenso dazu wie VNV Nation, Colony 5, Roter Sand, Chris Pohl mit Blutengel (eh ein Hans-Dampf in allen Gassen). Mind.in.a.box oder Edge Of Dawn.

Einordnung anhand der Geografie?

Vergleicht man Deutschland etwa und einige anliegende Teile Europas bezüglich des Future Pops mit etwa den USA, wird schnell deutlich, daß diese Art der Musik hier nicht die große Beachtung fand, einen eigenen Sektor begründen zu dürfen, sondern schlicht unter Alternative oder Independent fällt. Hierzulande kann dies bei einigen Läden natürlich ebenso passieren, doch ist die melancholische, düstere und elektronische Szene in Deutschland nun mal schon allein kulturell bedingt stärker vertreten, man kann dies auch etwas geschmälert in Großbritannien feststellen. Das erste Mal trat der Begriff allerdings bereits 1983 in Erscheinung, hier brachte Peter L. Noble mit dem Buch „Future Pop: Music For The Eighties“ heraus, im Zillo fand sich 16 Jahre später eine Buchrezension eines Romans von M.G. Burgheim, der diesen Begriff ebenfalls anwandte. Ronan Harris (VNV Nation) schreibt seiner Person allerdings auch ein maßgebliches Mitwirken an diesem Begriff zu. Nach der Jahrtausendwende fand der Terminus immer mehr seinen Weg an die Öffentlichkeit und wurde vermehrt verwendet. Mit „Future Pop: The Best Of Modern“ und „Future Pop Generation“ erschien die ersten Sampler unter Verwendung dieses Begriffs.

Future Pop vertritt nicht nur tapfer die Stellung der elektronischen Soundgebung, Gitarren sucht man recht vergeblich. Synthie statt Klampfe und Traditionalisten nehmen dabei schon gern mal den Begriff der „nicht mehr handgemachten“ Musik in den Mund. Nun ja, also auch einen Synthie oder einen PC bedient man mit den Händen und eine E-Gitarre gibt auch nur Laute wirklich von sich, wenn man einen Verstärker dazu benutzt. Sonst wird das ziemlich kläglich. Die Songstrukturen sind aus dem Techno-Bereich recht vertraut, das Material wird harmonisch gestaltet und allgemein haben sich Synthesizer von Access Virus und Roland für diesen Stil etabliert. Melodien und Harmonien sind gemessen an anderen elektronisch gearteten Musikrichtungen enorm wichtig im Future Pop und sind so gestaltet, daß sie wirklich gut im Köpfchen hängen bleiben. Dennoch bleibt bei einigen Bands und Künstler die Brücke zur „schwarzen Szene“, dem Wave und Gothic durchaus bestehen, Elemente werden kombiniert, Stimmungen und Atmosphären, die typisch für diese Genres sind, bedient. Insifern ist auch hier die Fangemeinde allgemein doch recht bunt und breit gefächert. Dies scheint allerdings für manche auch der wirklich einzige, vorhandene Unterschied zwischen Future Pop und (Dance-) Techno zu sein. Manche Tracks oder Vertreter klingen eben düsterer als andere und weniger nach „alles ist schön und leicht“.

Wie hielt dieser Sound Einzug?

Bereits Anfang der 90er versuchten diverse Akteure, Musikstile miteinander in der beschriebenen Art zu mischen, neue Stilfeinheiten herauszuarbeiten, Elemente zu kombinieren. Camouflage waren mit einer der ersten Vertreter, die ihren bisherigen Stil um techno-ähnliche Elemente und Trance-Merkmale erweiterte. Trotz der kleinen Umgewöhnung erzielten sie damit auch erste Erfolge für diese Musikrichtung. Es sollten natürlich weitere Combos folgen, die diese Versuche für sich selbst aufgriffen und an ihrem Soundteppich feilten. Wie in jedem anderen Genre auch lebt eben auch der Pop, von der Weiterentwicklung und dem Ausloten bisheriger Grenzen. Besonders deutsche Gruppen versuchten sich daran, es seien an dieser Stelle u.a. Delay, Distain! Oder auch Apoptygma Berzerk, die bereits vorher schon Erwähnung fanden mit dem Album „Non-Stop Violence“ zu nennen. Die Single „Eclipse“ gilt weithin nach den genannten Experimenten als eines der ersten Future Pop-Stücke, auch tendierten einige der neuen Songs von VNV Nation´s „Empires“ aus dem Jahre 1999 in diese Ecke. Langsam aber sicher setzte sich dieser Stil immer mehr durch, er verdrängte mit Nichten andere Stile, doch die Erweiterung war „offiziell“ getan und Future Pop fand mehr und mehr Zulauf. Bands wie Covenant und Rame folgen.

Nach dem ersten Schritt

Der neu geprägte Musikbereich sollte allerdings nicht nur innerhalb der Fangemeinde und Künstler immer mehr Beachtung finden, auch die Öffentlichkeit als solche entdeckte diesen Verlauf für sich und so schlich sich der Future Pop stetig weiter auch die Media Control Charts ein. Plattenfirmen, Presse etc – allesamt wurden mehr und mehr auf dieses neue Phänomen aufmerksam und selbst große Labels wie Sony zum Beispiel ließen sich nicht lumpen und sprangen auf den neuen Zug auf. Bands wie Apoptygma Berzerk hätten vorher vielleicht kaum eine reelle Chance auf einem Mega-Deal gehabt oder gar darauf, im Fernsehen einen ihrer Songs als Untermalung zu Vorschauen zu präsentieren. All diese Bands erreichten nun ein wesentlich größeres Publikum und konnten dies auch für andere Songs und frühere Werke „rückwirkend“ begeistern.

Auswirkungen auf andere Musikrichtungen

Nachdem sich Future Pop erfolgreich etabliert hatte, blieb es natürlich nicht aus, daß auch andere Musikrichtungen davon betroffen waren und sich mit unter inspirieren ließen. Erwähnt wurde in diesem Artikel bereits due dunkle Szene, die Vertreter der Wave-Zunft wie auch manche Verknüpfungen zum Gothic-Bereich. Hier kann man beobachte, daß die maßgeblichen Elemente des Future Pop: Gleichmäßige Rhythmik, eher monotone Strophen und Refrains mit einprägsamen Melodien Einzug gehalten haben, diese aber mit den genre-typischen Instrumenten kombiniert wurden. Selbst bei „alten Eisen“ wie Crematory findet man manche Anleihen, Liv Kristine (u.a. Theatre Of Tragedy, Atrocity) zelebriert dies in ihren Solo-Projekten ebenso, Cephalgy seien hier auch zu nennen, einige Songs fallen durchaus unter dieses Genre. Schaut man ein bißchen weiter finden sich Combos wie Deathstars, die ihren Fans und Zuhörern zwar mächtig Dampf machen, mit druckvollen Drums und wuchtigen Gitarrenriffs aufwarten, aber doch an sich die gleiche Linie im Songaufbau und Grund-Prinzip des Future Pop verfolgen. Und dies nicht gerade wenig erfolgreich.

Neue Einflüsse erweitern also mal wieder die Kreativität und man mag elektronische Musik als Old Schooler noch so verteufeln, nach anfänglichen Annäherungsschwierigkeiten wird man doch aufgeschlossener und erkennt, daß es sich schlicht und ergreifend um eine Weiterentwicklung handelt wie sie in der Kunst nun mal schon immer üblich war. Egal, ob man nun Gemälde betrachtet, Literatur, in der Moderne Filme als Erweiterung des Theaters – Anspruch und Unterhaltung bahnen sich auf vielfältige Arten und Weisen immer wieder neue Wege und das ist auch gut so, bevor man regelrecht übersättigt ist vom Immer-Gleichen und gar kein Fingerspitzengefühl mehr entwickeln kann, oder die Aussage eines Bildes, eines Songs oder wie auch immer aufnehmen kann. Und da sind wir wieder weiter am Anfang dieser Worte: Future Pop – nun, ist ein Begriff etabliert, steht er ja eigentlich nicht mehr für Zukünftiges, es ist ja schon da, blöd gesagt. Doch an dieser Stelle sollte man sich auch durchaus mit den Thematiken der Lyrics oder der Namensgebung mancher Songs beschäftigen. In Kunst steckt gern mehr Aussage als pure Unterhaltung.

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